Über unseren Köpfen ist es enger, als man denkt. Nicht nur die Bahnen sind knapp — auch die unsichtbaren Funkwellen, mit denen jeder Satellit spricht, sind streng aufgeteilt. Und der oft genannte Grund für den Ansturm nach oben — der billige Start — ist nur die halbe Wahrheit.
Dieses Kapitel hat zwei Teile. Zuerst schauen wir uns an, wem der „Äther" gehört — also wie die Funkwellen aufgeteilt sind, welche Bänder für was reserviert sind, und warum das ein wertvoller Besitz ist. Dann fragen wir: Warum eigentlich schießen gerade jetzt alle so viele Satelliten hoch?
Jeder Satellit spricht mit der Erde über Funkwellen — dieselbe Art unsichtbarer Wellen, mit der auch Ihr Radio, Ihr WLAN und Ihr Handy arbeiten. Aber Funkwellen gibt es nicht in beliebiger Menge. Es ist wie mit den Farben des Regenbogens: Es gibt nur ein bestimmtes Spektrum, und wenn zwei Sender dieselbe Farbe (Frequenz) am selben Ort benutzen, stören sie sich gegenseitig — dann versteht keiner mehr etwas.
Deshalb ist das Funkspektrum eine knappe, streng regulierte Ressource. Weltweit sorgt eine einzige Organisation dafür, dass sich nicht alle ins Gehege kommen: die ITU (Internationale Fernmeldeunion, eine UN-Behörde in Genf). Sie teilt zweierlei zu: welche Frequenzen wer benutzen darf — und, ganz oben in GEO, sogar die orbitalen „Parkplätze" (die Slots über dem Äquator, in denen ein geostationärer Satellit stehen darf).
Stellen Sie sich das ganze Spektrum als eine breite Autobahn vor. Sie ist in Fahrspuren aufgeteilt — jedes „Band" ist eine Spur mit eigenen Regeln und eigenem Verkehr. Auf der einen Spur fahren die Satellitentelefone, auf der nächsten das Fernsehen, auf der übernächsten das schnelle Internet. Man darf nicht einfach die Spur wechseln: Wer welche Spur befahren darf, das teilt die Verkehrsbehörde (die ITU) weltweit zu. Und die Spuren sind alle vergeben.
Die Fahrspuren tragen (aus historischen Gründen) Buchstaben-Namen. Von „unten" (niedrige Frequenz, lange Wellen) nach „oben" (hohe Frequenz, kurze Wellen):
Die Allwetter-Spur. Lange Wellen durchdringen Regen, Wolken und sogar Wände erstaunlich gut. Deshalb wohnen hier die Satellitentelefone (z. B. Iridium) und die Navigation (GPS). Weltweit sauber koordiniert — und genau das macht es so kostbar.
Hier hören Bodenstationen ihre Satelliten „ab" (Telemetrie — die Statusmeldungen des Satelliten). Auch Teile des Mobilfunks und mancher Wetterradare sitzen auf dieser Spur.
Die alte, robuste TV-Spur: seit Jahrzehnten für Fernseh-Ausstrahlung und -Verteilung. Ihr großer Vorteil: Sie ist besonders regenrobust — ein Wolkenbruch stört das Signal kaum.
Weitgehend für Militär und Behörden reserviert: sichere Kommunikation, Radar und der Funk zu weit entfernten Raumsonden (Tiefraum). Eine bewachte Spur.
Die Spur der Schüssel am Haus: Satelliten-TV, das viele in Europa empfangen. Dazu Firmennetze (VSAT) und teils auch Starlink. Mehr Datentempo als C-Band — dafür etwas empfindlicher bei Starkregen.
Die breite, schnelle Spur: hier läuft modernes Breitband-Internet (Starlink-Nutzer und -Gateways). Sehr viel Kapazität — aber empfindlich gegen Regen (der berüchtigte „Regen-Fade", ein Signal-Einbruch bei Wolkenbruch).
Noch höher, noch mehr Tempo — aufkommend. Die Betreiber weichen hierher aus, weil die unteren Spuren voll werden. Noch empfindlicher gegen Wetter, aber die Kapazitätsreserve der Zukunft.
Kein Funk. Satelliten reden per Laserstrahl direkt miteinander — mit riesiger Bandbreite. Und das Beste: Licht ist nicht reguliert, man braucht keine Frequenz-Lizenz. Laut Moonshots #268 „die Zukunft".
Das L-Band ist die Allwetter-Spur: schmal, aber immer befahrbar, egal ob Sturm oder Sonne — deshalb so begehrt. Das Ka-Band ist die breite, schnelle Spur, auf der viel mehr Verkehr fließt — aber bei Regen wird sie glitschig, und man kommt kurz ins Rutschen. Und der Laser ist Ihr eigener privater Tunnel: keine Nachbarn, keine Ampeln, keine Behörde, die ihn zuteilt — er gehört nur Ihnen.
Das Funkspektrum — welche Bänder wofür vergeben sind
Frequenzachse von ~1 bis ~75 GHz (logarithmisch gestaucht). Jede Farbe ist eine „Fahrspur" mit eigenem Verkehr — der Laser steht bewusst außerhalb.
Die ITU koordiniert Spektrum über die World Radiocommunication Conferences (WRC) und den Radio Regulations; nationale Regulierer (in den USA die FCC, in Deutschland die Bundesnetzagentur) vergeben die Nutzungsrechte im eigenen Hoheitsgebiet. In GEO ist zusätzlich der orbitale Slot knapp: Ein geostationärer Platz auf dem Äquator plus die zugehörige Frequenz ist ein handelbares, jahrzehntelang umkämpftes Gut, weil nur endlich viele Satelliten störungsfrei nebeneinander „parken" können.
Für die neuen Mega-Konstellationen gilt ein Prinzip, das man salopp „use it or lose it" nennt: Wer sich Frequenzen und Bahnrechte sichert, muss innerhalb bestimmter Fristen einen Anteil der beantragten Satelliten tatsächlich in Betrieb nehmen, sonst verfällt die Zuteilung. Das erzeugt einen Anreiz zur Landnahme — Anträge über gewaltige Satellitenzahlen (SpaceX hat bei der FCC einen Rahmen von bis zu ~1 Mio. Satelliten beantragt), teils auch, um Spektrum und Slots frühzeitig zu besetzen. Höhere Bänder (Ka, V/Q) fassen mehr Kapazität, sind aber wetterempfindlicher; Betreiber kombinieren Bänder und weichen bei Regen-Fade adaptiv aus.
Weil Frequenzen und Slots endlich sind, ist ihr Besitz bares Geld wert. Wer eine weltweit koordinierte Spur wie das L-Band kontrolliert, besitzt etwas, das man nicht einfach neu herstellen kann. Genau das erklärt einen aktuellen Deal:
Iridium betreibt ein globales Satellitentelefon-Netz — und besitzt dafür ein weltweit koordiniertes L-Band, die begehrte Allwetter-Spur. Für einen aufstrebenden Raketen- und Satellitenbauer wie Rocket Lab ist genau dieses Spektrum der eigentliche „Preis": Man kauft nicht nur eine Firma, sondern ein knappes, global abgesichertes Funkrecht, das sich nicht nachbauen lässt.
„Lasers are where everything's going — und es ist unreguliert." — sinngemäß Philip Johnston (StarCloud), Moonshots #268, zur Inter-Satelliten-Kommunikation
Und das ist der zweite große Punkt: Während alle um die letzten Funkspuren ringen, setzen die neuen Konstellationen für die Verbindung zwischen ihren Satelliten immer stärker auf Laser-Terminals. StarCloud etwa baut Laser-Links auf seine Satelliten. Der Charme: Licht ist keine „Fahrspur", die jemand zuteilt — es ist der private Tunnel, riesig breit und ohne Behörde. Deshalb heißt es dort: „lasers are where everything's going".
Der neue Trend ist, alles aus einer Hand zu besitzen: die eigene Rakete, die eigenen Satelliten und das eigene Spektrum. Rocket Lab × Iridium ist genau das — ein Startanbieter sichert sich Satelliten und ein knappes Funkrecht in einem Zug. Wer die ganze Kette besitzt, ist unabhängig von der Konkurrenz und von der nächsten Frequenz-Versteigerung.
Man hört oft: „Satelliten schießen jetzt alle hoch, weil der Start so billig geworden ist." Das stimmt — aber nur zur Hälfte. Der billige Start ist der Ermöglicher, nicht der einzige Motor.
Tatsächlich ist der Startpreis dank Wiederverwendbarkeit dramatisch gefallen: Raketen wie Falcon 9 landen und fliegen wieder, Starship soll das noch weiter treiben. Früher war eine Rakete wie ein Flugzeug, das man nach einem einzigen Flug wegwirft — heute landet sie und startet erneut. Aber ein billiger Lastwagen allein füllt noch kein Lager.
Wie groß der Ansturm inzwischen ist, zeigen ein paar Größenordnungen. Anfang 2026 kreisen grob ~14.000 aktive Satelliten um die Erde — 2020 waren es erst rund 3.400. Allein 2025 wurden ~4.500 Objekte in den Orbit gebracht, ein Rekordjahr. Und die Kurve zeigt weiter steil nach oben: Schätzungen sprechen von ~43.000 Satelliten bis 2034 — das wären im Schnitt rund zwölf neue Satelliten pro Tag. (Alle Zahlen grob gerundet; Details im Anhang.)
In nur fünf Jahren hat sich die Zahl der aktiven Satelliten mehr als vervierfacht. Das ist, als hätte sich eine ruhige Landstraße in wenigen Jahren in eine mehrspurige Rushhour verwandelt — und der Verkehr wächst weiter, Richtung „zwölf neue Fahrzeuge, jeden einzelnen Tag". Der Himmel füllt sich schneller, als die meisten ahnen.
Warum quillt ein Markt plötzlich über? Nicht nur, weil die Lastwagen billiger wurden (der Start). Sondern auch, weil eine neue Fabrik die Waren am Fließband ausspuckt (Massenfertigung), weil plötzlich alle die Ware wollen (die Nachfrage) — und weil ein Ansturm auf die besten Fahrspuren ausgebrochen ist (Frequenzen und Bahnen). Erst alles zusammen ergibt den Ansturm.
Wiederverwendbare Raketen (Falcon 9, Starship) senken den Preis pro Kilo drastisch. Notwendig — aber allein nicht ausreichend.
Satelliten laufen heute vom Fließband, flach stapelbar für den Start. Dazu billige Standard-Elektronik statt teurer Spezialbauteile. Das senkt die Stückkosten so stark wie der Start.
Weil Satelliten per Laser direkt untereinander reden, braucht man weniger Bodenstationen — die Konstellation wird autarker und günstiger im Betrieb.
Breitband für alle, Direct-to-Cell (das Handy funkt direkt zum Satellit, ohne Mast), Erdbeobachtung — und jetzt KI-Rechenleistung im Orbit. Es gibt plötzlich sehr viel, wofür man Satelliten will.
Die Frequenz- und Bahn-Landnahme selbst treibt an: Wer zuerst startet, sichert sich Spektrum und Slots („use it or lose it"). Das belohnt Tempo und Masse.
Staaten wollen eigene Konstellationen — Chinas Guowang und Qianfan etwa. Wer die Umlaufbahn nicht besetzt, überlässt sie der Konkurrenz. Ein staatliches Wettrennen.
KI entwirft Bauteile mit — und verkürzt so den Ingenieurs-Engpass, der früher jedes neue Design ausbremste. Mehr dazu im nächsten Kapitel (Leap 71).
Jeder Faktor verstärkt die anderen: billiger Start × billige Masse × Nachfrage × Wettrennen. Zusammen ergeben sie ein sich selbst beschleunigendes Schwungrad.
Der fallende Startpreis ist in der Logik eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Ohne wiederverwendbare Träger wären Konstellationen mit tausenden Satelliten wirtschaftlich undenkbar — aber ein niedriger $/kg-Preis erzeugt für sich genommen keine Nachfrage. Die Explosion entsteht aus der Multiplikation mehrerer gleichzeitig fallender Kostenkurven und steigender Nachfragekurven: Startkosten ↓, Fertigungskosten pro Satellit ↓ (Serienproduktion, COTS-Elektronik), Betriebskosten ↓ (optische Inter-Satelliten-Links reduzieren Ground-Segment), bei gleichzeitig steigender adressierbarer Nachfrage (Consumer-Broadband, Direct-to-Cell, EO, Orbital-Compute) und einem regulatorischen Anreiz zur frühen Spektrum-/Slot-Besetzung. Dazu kommen zwei Beschleuniger: Geopolitik (souveräne Konstellationen als strategisches Muss) und KI-gestütztes Engineering, das den knappsten Faktor — qualifizierte Ingenieurstunden — teilweise ablöst. Das Ergebnis ist ein Flywheel, kein einzelner Hebel.
„Alle schießen Satelliten hoch" — aber wer ist eigentlich „alle"? In Wahrheit sind es eine Handvoll sehr großer Bauprojekte, die den Löwenanteil ausmachen. Ein Betreiber sticht dabei völlig heraus: Starlink (SpaceX) stellt heute allein rund 60–70 % aller aktiven Satelliten. Die folgende Übersicht zeigt die großen erdnahen (LEO) Breitband-Flotten und die wichtigsten Spezialisten — mit dem, was heute oben ist, und dem, was geplant/beantragt ist.
| Konstellation | Betreiber · Land | Aktiv / geplant | Höhe | Zweck |
|---|---|---|---|---|
| Starlink | SpaceX · USA | ~9.400 aktiv bis 42.000 beantragt |
~550 km | Breitband + Direct-to-Cell. Macht allein ~60–70 % aller aktiven Satelliten aus. |
| Kuiper („Amazon Leo") | Amazon · USA | ~300+ aktiv 3.236 geplant |
~600 km | Breitband |
| OneWeb | Eutelsat · UK-FR | ~630 aktiv | ~1.200 km | Breitband (Firmenkunden) |
| Guowang | China SatNet · China (staatlich) | ~100+ aktiv ~13.000 geplant |
500–1.145 km | Breitband + Souveränität |
| Qianfan („Thousand Sails") | SSST Shanghai · China | ~126+ aktiv ~14.000 geplant |
~1.160 km | Breitband + Souveränität |
| Iridium | USA | 66 aktiv | 780 km | Sprache / Daten / IoT (L-Band, s. Teil A) |
| AST SpaceMobile (BlueBird) | USA | ~6 aktiv Ausbau geplant |
~700 km | Direct-to-Cell (riesige Antennen) |
Auffällig: Die beiden gewaltigsten Ausbaupläne — Guowang und Qianfan — kommen aus China und sind staatlich getrieben. Hier geht es nicht nur um Internet-Kunden, sondern um digitale Souveränität: eine eigene Konstellation, die nicht von einem US-Betreiber abhängt. Auch die EU baut mit IRIS² an einer eigenen souveränen Flotte. Das ist der fünfte Treiber aus dem Schwungrad, in Reinform.
Die Breitband-Flotten sitzen tief unten (LEO). Ganz anders die Navigationssysteme: Sie fliegen im mittleren Orbit (MEO), in ~20.000 km Höhe, und brauchen dort nur wenige Dutzend Satelliten für globale Abdeckung. Vier große Systeme teilen sich diese Etage:
Und ganz oben, im geostationären Ring (GEO, ~36.000 km), stehen grob ~1.400 Satelliten für Fernsehen, Wetter und klassische Kommunikation — jeder auf seinem zugeteilten „Parkplatz" (siehe Teil A).
Warum stehen in der Tabelle Pläne über zehntausende Satelliten? Weil eine ITU-Frequenzanmeldung und die FCC-Fristen das frühe Auffüllen belohnen — wer zuerst anmeldet und startet, sichert sich Spektrum und Bahn. Das erzeugt gewaltige Anträge auf dem Papier:
Wichtig zum Einordnen: Eine ITU-Anmeldung ist eine Frequenz- und Bahn-Reservierung, kein Orbit-Bestand. Die Millionen-Zahl von SpaceX gehört zum Thema Rechenzentren im All (Kapitel 7) — nicht zu 14.000 realen Satelliten heute.
Ein Nachfrage-Treiber ist ganz neu: Direct-to-Cell — das normale Handy spricht direkt mit einem Satelliten, ohne Spezialgerät und ohne Funkmast in der Nähe. Möglich wird das, weil die Satelliten teils das bestehende Mobilfunk-Spektrum aus dem All nutzen. Die Vorreiter:
Man denkt beim Weltraum zuerst an die Rakete. Doch die Satellitenwirtschaft setzte 2024 grob 293 Mrd. $ um (rund 71 % der gesamten Weltraumwirtschaft) — und der spektakulärste Teil ist der kleinste: Der Start (die Rakete) macht nur ~4 % davon aus. Der größte Umsatz steckt im Bodensegment (~55 %, inklusive aller GPS-Endgeräte) und in Diensten (~35 %). Anders gesagt: Die Rakete ist das Foto wert — das Geld verdienen die Empfänger, Schüsseln und Abos am Boden.
Der billige Start ist der Zündschlüssel, nicht der Motor. Die Satelliten-Explosion ist ein Schwungrad aus billigerem Start × billiger Massenproduktion × explodierender Nachfrage × dem Wettrennen um Frequenzen und Bahnen. Und während der Kampf um die letzten Funkspuren tobt, verlagert sich das eigentliche Datentempo bereits auf den unregulierten Laser — den privaten Tunnel im All.