Dies ist der Grund, warum es diesen ganzen Atlas gibt. Gleich drei Schwergewichte — Google, das Startup StarCloud und neuerdings SpaceX/xAI selbst — wollen die riesigen Rechenzentren, die unsere künstliche Intelligenz antreiben, ins Weltall verlegen. Klingt verrückt. Ist es vielleicht auch. Aber die Rechnung dahinter ist ernster, als man denkt — und sie entscheidet sich nicht an der Rakete, sondern am Chip.
Künstliche Intelligenz ist hungrig — nicht nach Strom im übertragenen Sinn, sondern buchstäblich nach Kraftwerken. Ein modernes KI-Rechenzentrum verschlingt so viel Elektrizität wie eine Kleinstadt, und es produziert dabei enorme Abwärme, die weggekühlt werden muss. Auf der Erde stößt das an Grenzen: Strom ist knapp, Kühlwasser ist knapp, und ein neues Kraftwerk zu genehmigen dauert Jahre.
Im Orbit sieht die Sonne anders aus. Dort scheint sie — in der richtigen Bahn — ununterbrochen, ohne Wolken, ohne Nacht, ohne Winter. Ein Solarpanel liefert oben ein Vielfaches dessen, was es am Erdboden schafft. Kein Nachbar beschwert sich, keine Behörde muss ein Kraftwerk absegnen. Man baut sein „Kraftwerk" einfach aus Solarzellen und stellt die Rechner direkt daneben.
Auf der Erde bringt eine Solaranlage nachts nichts, im Winter wenig, bei Wolken gar nichts. Stellen Sie sich vor, Sie könnten dieselbe Anlage an einen Ort hängen, wo immer praller Mittag ist — kein Abend, kein schlechtes Wetter, nie. Genau das ist eine Solarbahn im Orbit. Der Haken: Ihr Wohnzimmer (der Rechner) muss dann auch dort oben hängen.
Google beziffert den Solarertrag im richtigen Orbit auf bis zu ~8× gegenüber einer vergleichbaren Anlage an Land — durch permanente Sonne (kein Tag-Nacht-Zyklus, keine Jahreszeit), fehlende Atmosphärendämpfung und keine Wetterausfälle. Die Zahl stammt aus Googles eigener Ankündigung und ist als Best-Case-Schätzung des Anbieters zu lesen, nicht als unabhängig gemessener Wert. Voraussetzung ist eine sonnensynchrone Dawn-Dusk-Bahn (siehe Kapitel 1), in der die Panels dauerhaft zur Sonne stehen. Der ganzjährig schattenfreie „Sonnengürtel" beginnt erst bei rund 1.200 km Höhe — dazu weiter unten mehr.
Der schärfste Satz zu diesem Thema stammt von Will Marshall, dem Chef von Planet Labs — der Firma, die Googles Rechen-Satelliten baut. Er unterscheidet zwei Engpässe, und welcher zählt, hängt vom Zeithorizont ab:
„Kurzfristig ist es der Start, aber längerfristig ist es die Rechenleistung." — Will Marshall, Planet Labs (sinngemäß), Moonshots #266
Jedes Kilo ins All kostet Geld — heute noch viel. Diese Start-Steuer zahlt praktisch jeder außer SpaceX, der sie sich selbst erspart. Solange Starten teuer ist, verliert das Orbit-Rechenzentrum die Rechnung gegen das Rechenzentrum auf der Wiese.
Fällt der Startpreis, verschiebt sich der Engpass zum Chip. Wie energieeffizient ein Rechenchip ist, entscheidet, wie viel Abwärme anfällt — und die Abwärme bestimmt, wie groß und schwer das Raumfahrzeug sein muss. Diese Chip-Steuer zahlt jeder außer Nvidia und Google, die ihre eigenen Chips bauen.
Der Gedankengang ist elegant: Ein sparsamerer Chip erzeugt weniger Wärme → man braucht kleinere Radiatoren → das Raumfahrzeug wird leichter → der Start wird billiger. Chip-Effizienz und Startkosten sind also über die Wärme miteinander verkettet. Deshalb glaubt Marshall, dass am Ende nicht die Rakete, sondern der Chip über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.
Zwei Engpässe — welcher entscheidet?
Wie sich der begrenzende Faktor über die Zeit verschiebt: von der Rakete (heute) zur Chip-Effizienz (2030er).
Schematische Darstellung der These von Will Marshall — keine gemessenen Werte, sondern die Logik: Sobald der Startpreis fällt, wird die Energie-Effizienz der Chips zum entscheidenden Hebel, weil sie über die Abwärme die Masse des ganzen Raumfahrzeugs bestimmt.
Es gibt zwei große Ansätze — und sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Der eine setzt auf besonders sparsame, selbstgebaute Chips. Der andere nimmt die stärksten Chips der Welt und schießt schlicht mehr Material hoch.
Angekündigt im November 2025. Google will seine eigenen, strahlungsgehärteten Trillium-TPU-Chips auf Solar-Satelliten setzen — Chips, die speziell auf Sparsamkeit getrimmt sind. „Klugheit werfen" statt Masse.
Setzt auf die stärksten kommerziellen KI-Chips überhaupt. Starcloud-1 (Nov 2025, ~60 kg) trug die erste Nvidia H100 in den Orbit — rund 100× stärker als jede frühere Weltraum-GPU. „Masse werfen" statt eigener Sparchips.
Lange galt SpaceX hier nur als Raketenlieferant. Seit Ende 2025 ist klar: Musk will die Orbit-Rechenzentren selbst bauen — und bringt als Einziger alle Teile mit: eigene Rakete, eigene Satelliten-Massenfertigung, eigenes Laser-Netz (Starlink) und mit xAI die eigene KI-Nachfrage.
Alle drei Architekturen stehen und fallen mit strahlungsgehärteter Elektronik. Googles Vorteil: TPUs sind Eigenentwicklung, lassen sich also gezielt „raten" (radiation-hardened) und auf niedrige Verlustleistung trimmen — genau das reduziert die Abwärme und damit die Radiatormasse. StarClouds Vorteil: rohe Rechendichte kommerzieller Nvidia-GPUs, dafür aber deutlich höhere Leistungsaufnahme pro Chip und damit mehr Kühlbedarf. SpaceX/xAI setzt wie StarCloud auf Nvidia-Hardware (GB300/Vera-Rubin-Referenz), hat aber als Einziger die gesamte Wertschöpfungskette in einer Hand — Start, Satellitenbau, Laser-Netz und KI-Nachfrage —, was der eigentliche strategische Unterschied ist.
Wichtig zur Einordnung: „100× stärker als jede frühere Orbit-GPU" ist ein Vergleich gegen einen sehr niedrigen Ausgangswert (bisher flogen kaum leistungsfähige GPUs). Es bedeutet nicht, dass ein orbitales Rechenzentrum heute wirtschaftlich mit einem terrestrischen mithält — dazu weiter unten die Ökonomie. Alle Stückzahlen (81 Satelliten, 2 Prototypen, 1 Mio. FCC-Anträge) sind angekündigte Pläne bzw. Anträge, keine im Betrieb befindlichen Systeme (Stand Nov 2025–Juni 2026).
Alles hängt an einer Zahl — dem Startpreis pro Kilogramm. Heute liegt er grob bei 1.500–2.900 $/kg. Damit „im All zu rechnen" günstiger wird als am Boden, müsste er ungefähr auf 200–300 $/kg fallen. SpaceX peilt mit dem noch unbewiesenen Starship sogar 100 $/kg an — erreicht ist das nicht.
| Größe | Wert | Vorbehalt / Quelle |
|---|---|---|
| Startkosten heute | ~1.500–2.900 $/kg | Grobe Spanne je nach Anbieter/Rakete; Momentaufnahme, fällt tendenziell. |
| Schwelle „im All billiger" | ~200–300 $/kg | Schätzwert, ab dem orbitales Rechnen konkurrenzfähig würde — kein hartes Naturgesetz. |
| SpaceX-Ziel (Starship) | ~100 $/kg | Angekündigtes Ziel, noch nicht erreicht; alle positiven Rechnungen hängen daran. |
| McCalip-Vergleich · 1 GW Compute | ~51 Mrd. $ (Orbit) vs. ~16 Mrd. $ (Land) |
Unabhängige Schätzung (Ingenieur A. McCalip, IEEE Spectrum), ohne die Chips gerechnet → orbital heute rund 3× teurer bei allem oberhalb der Chips. |
Diese unabhängige Gegenrechnung ist wichtig, weil sie nicht von einer der beteiligten Firmen stammt. Der Ingenieur Andrew McCalip kommt für 1 Gigawatt orbitalen Solar-Rechenbetrieb auf rund 51 Mrd. $ — gegenüber etwa 16 Mrd. $ an Land, jeweils ohne die Chips selbst. Ein orbitales Rechenzentrum ist demnach heute rund dreimal so teuer in allem, was nicht der Chip ist.
Orbitale Rechenzentren sind heute noch nicht kostenkompetitiv. Jede optimistische Rechnung, die das Gegenteil behauptet, setzt voraus, dass Starship funktioniert und die Startpreise dramatisch fallen — und das ist bislang unbewiesen. Man sollte die Sache also als teure Wette auf die Zukunft lesen, nicht als fertige Geschäftsidee.
Selbst wenn die Rakete billig wird, stellt die Physik drei harte Fragen. Zwei davon sind beherrschbar. Eine ist die eigentliche Wand.
Google nennt sie „überraschend beherrschbar" — eine TPU habe einen Protonenstrahl-Test überstanden. Aber das ist ein Hersteller-Selbstbericht zu einem einzigen Chip. Was Strahlung wirklich bedeutet, steht in Kapitel 2.
Der größte offene Punkt. Im Vakuum gibt es keine Luftkühlung — Wärme kann nur abgestrahlt werden. Im Gigawatt-Maßstab werden die Radiatorflächen riesig.
Planet kontert mit tiefen, selbstreinigenden Bahnen, die Schrott von allein absinken lassen (siehe Kapitel 3). Marshall: man koppelt den Orbit einfach an Moores Gesetz — Chips altern ohnehin in ~3 Jahren.
„Den Weltraum an Moores Gesetz schnallen." — Will Marshall, sinngemäß: weil Chips in ~3 Jahren veralten, muss ein Rechen-Satellit ohnehin nicht ewig oben bleiben
Auf der Erde blasen Ventilatoren Luft über heiße Chips, oder Wasser kühlt sie. Beides gibt es im Vakuum nicht — es ist ja nichts da, was die Wärme wegtragen könnte. Die einzige Möglichkeit, Wärme loszuwerden, ist sie als Infrarotstrahlung abzustrahlen, wie ein glühender Ofen, der Wärme in einen kalten Raum abgibt.
Eine Thermoskanne hält warm, weil das Vakuum zwischen den Wänden Wärme nicht durchlässt. Genau in so einer Thermoskanne sitzt jeder Satellit — das Vakuum des Alls lässt seine Wärme nicht einfach „abfließen". Er muss sie mühsam als Strahlung loswerden. Deshalb sind die Kühlflächen (Radiatoren) oft größer als die Solarpanels.
Abgestrahlte Leistung skaliert nach dem Stefan-Boltzmann-Gesetz mit T⁴ (der vierten Potenz der absoluten Temperatur). Das hat eine unbequeme Konsequenz: Man will die Radiatoren so heiß wie möglich betreiben, denn jede zusätzliche Temperatur bringt überproportional mehr Wärmeabfuhr. Abgestrahlt wird gegen die rund 4 Kelvin (−269 °C) des Weltraumhintergrunds — der kälteste denkbare „Kühlkörper", was hilft.
Trotzdem: Weil Strahlung ein vergleichsweise schwacher Wärmetransport ist, braucht ein Gigawatt-Rechenzentrum gewaltige Radiatorflächen. Das ist der eigentliche Skalierungs-Engpass — die „Physics Wall". Genau hier setzt der Durchbruch aus Moonshots #268 an.
In einer neueren Folge kam Philip Johnston, Gründer von StarCloud, ausführlich zu Wort — mit einigen konkreten Neuigkeiten, die genau die offenen Punkte adressieren.
KI-Satelliten wollen hoch fliegen, um dauerhaft in der Sonne zu bleiben. Laut Johnston ist ~1.200 km die niedrigste Bahn, in der es kein jährliches Verdunkelungsfenster mehr gibt. Bei 600 km dagegen gibt es rund einen Monat pro Jahr, in dem der Satellit zu etwa 10 % im Schatten läuft — Gift für ein Rechenzentrum, das durchlaufen soll.
Interessant: Starlink fliegt bewusst tief (~460–550 km, ~50° Neigung), um das Internet ohne Verzögerung zu liefern. Die KI-Satelliten wollen genau das Gegenteil — hoch, für Dauer-Sonne. Andere Bahn, anderer Zweck, kein direkter Konkurrenzkampf um denselben Platz. Warum tief und hoch je Sinn ergeben, erklärt der „Sonnengürtel" in Kapitel 1.
StarClouds eigentliche Erfindung ist kein Chip, sondern ein Kühlkörper. Ihr Kern-Patent ist ein Radiator, bei dem Kühlflüssigkeit durch Aluminium strömt. Er soll pro abgeführtem Watt Wärme rund 10× weniger Masse und rund 100× weniger Kosten verursachen als der Radiator der Internationalen Raumstation ISS.
Ein alter Gusseisen-Heizkörper ist schwer und teuer für die Wärme, die er abgibt. Ein moderner, dünner Radiator mit durchströmender Flüssigkeit gibt dieselbe Wärme bei einem Bruchteil von Gewicht und Preis ab. StarCloud sagt sinngemäß: Genau diesen Sprung machen wir für die Kühlung im Weltall — „keine neue Physik, ein Fertigungsproblem".
Wenn der Radiator wirklich 10× leichter und 100× billiger wird, schrumpft genau die Masse, die den ganzen Ansatz teuer und schwer macht — und damit fällt der zweite große Physik-Vorbehalt (die Kühlung) von einer „Wand" zu einem lösbaren Ingenieursproblem. Laut Johnston wurde der Radiator bereits im Vakuum getestet (TVAC); der erste Flug ist für Januar angekündigt. Anbieter-Angabe, noch nicht unabhängig im Orbit bestätigt
Die ISS-Radiatoren sind ein legitimer Vergleichsmaßstab, weil sie das bekannteste großflächige Wärmeabfuhrsystem im Orbit sind — aber auch ein Design aus den 1990ern, das nie auf Kosten oder Massen-pro-Watt für Rechenlasten optimiert wurde. „10× leichter, 100× billiger" ist folglich ein Sprung gegen einen alten Referenzpunkt, kein Vergleich gegen den heutigen Stand der Technik. Johnstons Kernaussage — es sei „keine neue Physik, sondern ein Fertigungs- und Ingenieursproblem" — ist plausibel, aber die Skalierung auf Gigawatt-Flächen bleibt der zu beweisende Teil. TVAC-Test (Thermal Vacuum) belegt Funktion im Vakuum, nicht Langzeit-Betrieb unter realer Rechenlast.
„Langfristig werden 99,9 % der Rechenleistung im All laufen." — Philip Johnston, StarCloud, Moonshots #268
Diese Aussage gehört in die Kategorie Dyson-Schwarm — also Jahrzehnte bis Jahrhunderte, nicht das nächste Jahrzehnt. Als Vision spannend, als Prognose kein Nahziel. Bitte klar so lesen: eine Richtungsansage, keine Fahrplan-Zahl.
Nicht alle glauben daran. Der Investor Masayoshi Son zweifelt, weil Energie „nur 7 % der Kosten" eines Rechenzentrums ausmache — der Rest sei ohnehin der teure Teil, den man mit ins All schleppen müsse.
Johnston kontert mit drei Punkten:
Wie reden diese Satelliten mit der Erde und untereinander? Nicht per klassischem Funk, sondern per Laser. StarClouds Satelliten tragen Laser-Terminals — unter anderem die „Plug-and-play"-Laser aus dem Starlink-Baukasten. Johnston nennt Laser die Zukunft der Weltraum-Kommunikation — und, entscheidend, sie sind bislang unreguliert, anders als das streng zugeteilte Funkspektrum (siehe Kapitel 5).
In derselben Folge wurde ein anderes Energie-Thema erwähnt: Helions Fusionskraftwerk „Orion" wurde lizenziert — 50 MW für Microsoft ab 2028. Das ist eine terrestrische Energiefrage. Im Orbit dagegen bleibt der naheliegende „Fusionsreaktor" schlicht die Sonne — man erntet ihre Energie per Solarpanel, ohne selbst eine Fusion zünden zu müssen. Mehr zur Energie- und Antriebsfrage in Kapitel 6.
Rechenzentren im Orbit sind technisch näher, als es klingt — aber wirtschaftlich noch nicht so weit. Kurzfristig entscheidet der Startpreis (SpaceX-Wette), langfristig die Chip-Effizienz (weil sie die Abwärme und damit die Masse bestimmt). Die härteste physikalische Hürde war die Kühlung — und genau da meldet StarCloud mit seinem leichten, billigen Radiator einen möglichen Durchbruch. Ob daraus ein Geschäft wird, hängt an einer einzigen unbewiesenen Zahl: dass Raketen wirklich billig werden. Bis dahin gilt: spannende Wette, kein fertiges Rechenzentrum.